250.000 € Fördergelder für weniger Logistikverkehr in der Altstadt


Die „Letzte Meile“ übernimmt in der Smart City das Lastenfahrrad

Quelle: Stadt Ettlingen

Lieferstress in deutschen Städten: Mehr als 4,5 Milliarden Tonnen Güter bewegen sich alljährlich auf Deutschlands Straßen. 3,6 Milliarden Sendungen hat die Branche der Kurier-, Express- und Paketdienste, kurz KEP genannt, 2019 bewegt, die Hälfte davon macht der Onlinehandel aus. In Zeiten des Onlinehandels und der „Same-Day-Delivery“ ist die Straße das Warenlager. Auf der anderen Seite stehen die wenigen Ladezonen, das Parken in zweiter Reihe und auf Gehwegen, die Unfallgefahr, die Klimabelastung. 50 Prozent der Pakete werden zwischen 7 und 12 Uhr ausgeliefert und tragen zum Verkehrskollaps in Innenstädten wesentlich bei. Und: neue technische Zustellungskonzepte wie Lieferdrohnen, Zustellroboter, Paketlieferungen in den Kofferraum des eigenen Autos konnten sich bislang nicht durchsetzen. (Quelle: Deutschlandfunk Kultur, „Lieferstress auf der letzten Meile“, 17.03.2020).

Nicht nur die Großstädte sind massiv betroffen von der Paketflut. „In Ettlingen liefern verschiedene Paketdienstleister täglich rund 320 Pakete an Privatpersonen und Einzelhändler in der Altstadt aus“, berichtet Andreas Kraut. Der Digitalisierungsbeauftragte und Hauptamtsleiter der Stadt Ettlingen ist der Initiator des Projekts „Elektromobile Logistik in Ettlingen“, das er gemeinsam mit Oberbürgermeister Johannes Arnold vorstellte. „Wenn wir den Logistikverkehr durch verbrennungsmotorgetriebene Fahrzeuge in Ettlingens historischer Innenstadt minimieren können, wird das Vorteilen bringen, von der Stärkung des Wirtschaftsstandorts Ettlingen über die Unfallvermeidung, von weniger Emissionen und der Erhöhung der Lebensqualität für Bewohner und Gäste bis hin zu Mehrwehrten für private Empfänger, die Paketdienstleister und für den lokalen Einzelhandel“, unterstrich OB Arnold. Um die Wirkung des Pilotprojekts zu maximieren, wurde ein Konsortium gebildet. Dort versammeln sich neben der Stadt Professor Wolfgang Echelmeyers Forschungszentrum Logistik der Hochschule Reutlingen, das das Projekt wissenschaftlich begleitet, die Firma Transport Betz als lokales, mittelständisches Logistikunternehmen, vertreten durch Martina Betz Weber, und die Pakadoo GmbH, die das notwendige IT-System implementieren wird. Michael Strohäcker war für die IT-Firma vor Ort, die bereits Plattformen für verschiedene Paketdienstleister entwickelt hat. Der lokale Einzelhandel, das Schuhhaus Rissel beispielsweise, aber auch lokale Arbeitgeber, z.B. die AppSphere AG, die Stadtwerke Ettlingen GmbH oder die Volksbank, haben bereits Interesse bekundet, als Projektpartner mit einzusteigen. „Ettlingen wird als Reallabor für Städte mit vergleichbaren Rahmenbedingungen Maßstäbe setzen“, prognostiziert der Digitalisierungsbeauftragte Kraut. Denn die Erfahrungen großer Städte in elektromobiler Logistik lassen sich nicht ohne weiteres auf kleine und mittlere Kommunen übertragen. Für die KEP-Dienste wird sich das Projekt auch monetär lohnen: der Großteil der Gesamtkosten der Lieferkette, nämlich 41 Prozent, fällt im Bereich der letzten Meile an. Hintergrund des Projekts „Elektromobile Logistik“: Ettlingen hat sich auf den Weg zur Smart City gemacht. Im vergangenen Jahr wurde die Stadt für die Summe der bereits angestoßenen Initiativen und bereits realisierten Bausteine mit dem dritten Platz des SMAVARD-Preises ausgezeichnet. Im Wesentlichen ist die Entwicklung zur Smart City ein Prozess, der Städte effizienter, lebenswerter und umweltfreundlicher macht. Weiterer Anknüpfungspunkt: wer vormittags in Ettlingen unterwegs ist, kann die Dichte der Lieferservices selbst miterleben, „und dann wird gerade mal ein Din A 4 großes Paket abgeliefert“, so OB Arnold. Der Förderaufruf des Landes vom Dezember 2019 kam Ettlingen da gerade recht, die Stadt habe binnen kurzem den Förderantrag auf den Weg gebracht, der nun mit knapp 250.000 Euro für zwei Jahre honoriert wurde.

Das Konzept

Wie sieht das Konzept zur Verwirklichung der elektromobilen Logistik in Ettlingen aus? Es besteht aus zwei Elementen, der Bündelung von Lieferungen an einem Ort in Form eines so genannten Micro Hubs (das englische hub bedeutet so viel Zentrum, Mittelpunkt), einem Miniatur-Logistik-Zentrum innerhalb des Stadtgebiets, genauer: im Industriegebiet Ettlingen-West. Dorthin liefern die KEP-Dienste ihre Waren, Transport-Betz verteilt sie mit dem elektrischen Lastenrad oder dem E-Auto paketdienstunabhängig in der Innenstadt. Zweites Element ist ein öffentlicher Paketschrank (Packstation) zur Selbstabholung von Paketen. Er könnte zentral am künftigen intermodalen Knoten Regiomove am Stadtbahnhof platziert werden. Wichtige Partner sind die Paketkunden, vor allem die rund 1300 privaten Haushalte in der Innenstadt. Sie müssen der Lieferung ihrer Pakete an den Micro Hub zustimmen, das kann beispielsweise über eine App geschehen. Marketing und Akquise der Kunden übernimmt die gemeinnützige Unternehmerinitiative „Fairantwortung“ aus Karlsruhe, während die städtischen Wirtschaftsförderung nebst Stadtmarketing im Bereich der lokalen Händler und Unternehmer werbend tätig werden wird. Die Hardware, sprich: Paketschrank und Lastenräder, werden von der Stadt geleast. Part der Stadt sei es auch, die rechtlichen Rahmenbedingungen festzulegen, beispielsweise in Form der Einschränkung von Lieferzeiten, um mehr Anreiz für das Projekt zu schaffen. Ein auf die lokalen Rahmenbedingungen angepasstes IT-System sorgt für den reibungslosen Ablauf der Zustellungsprozesse und verbindet die verschiedenen Akteure. Als Standort für den Micro-Hub, der noch in diesem Jahr seine Funktion aufnehmen könnte, bietet sich das Gelände von Transport Betz an, dort werden heute schon Pakete angeliefert und weiterverteilt. Der Mehrwert für die privaten Empfänger und den lokalen Einzelhandel generiert sich aus einer größeren Flexibilität, denn der Paketschrank garantiert paketdienstleister- und öffnungszeitenunabhängige Abholung 24 Stunden, sieben Tage die Woche, und aus der Reduzierung von Zustellungen verschiedener Lieferanten durch Bündelung. Der lokale Einzelhandel kann den optimalen Zustellungstermin vereinbaren und die Notwendigkeit von Mehrfachzustellungen deutlich reduzieren; Lärm und Emissionen werden minimiert. Auch lokale Unternehmer sollen gewonnen werden, die eine Packstation oder Abholmöglichkeit für ihre Mitarbeiter einrichten möchten.

Die Gesamtkosten des Projekts für dieses und das kommende Jahr bezifferte Andreas Kraut mit rund 406.000 Euro, verteilt auf die verschiedenen Akteure. Der Förderbescheid des Landes Baden-Württemberg über 250.000 Euro liegt bereits vor. „Auf die Stadt entfallen rund 68.000 Euro für die beiden Jahre 2020 und 2021, abzüglich der Förderung sind es noch etwa 14.000 Euro“, so Kraut. Die Partner beteiligen sich höheren Eigenanteilen, ihnen galt der Dank von OB Arnold. Die Hochschule bekommt ihre Kosten zu 100 Prozent gefördert.

Ein spannendes Projekt, befand Martina Betz-Weber. Sie setzt ganz auf die Freiwilligkeit der Kunden und Dienstleister und wies auf die Herausforderung bezüglich des IT-Hintergrundes hin, Beispiel: Abliefernachweise in beide Richtungen, für Händler ebenso wie für den Empfänger. Michael Strohäcker von Pakadoo merkte an, dass ein solches Projekt dann ein erfolgreiches Geschäftsmodell werde, wenn die Nutzer mitgenommen werden nach dem Motto „was wollen die Leute?“. Eine Rückspiegelung der Erfahrungen werde dazu dienen, das Angebot weiterzuentwickeln. An dieser Stelle kommt auch die Uni Reutlingen ins Spiel, „wir verstehen uns auch als Schnittstelle zwischen Pakadoo und Betz und werden die Wirtschaftlichkeit des Projektes untersuchen“, so Professor Echelmeyer, der per Videoschaltung an dem Gespräch teilnahm.

Das Projekt sei auf Ettlingen zugeschnitten und durch die Größe der Stadt und die besonderen Voraussetzungen einmalig, fasste OB Arnold am Ende zusammen. Welche positiven Effekte tatsächlich entstehen werden, werde man nach der Evaluierung sehen können. Ziel sei auf jeden Fall ein „tragfähiges, nachhaltiges Geschäftsmodell.“

Weitere Informationen finden Sie unter: www.ettlingen.de